Runter vom Schaf, rauf auf den Rocken - Teil 1: Waschen

Wolle direkt vom Schaf zu verarbeiten ist kein Hexenwerk. Es bietet die Möglichkeit, sich mit den verschiedenen Fasereigenschaften und der Auswirkungen unterschiedlicher Verarbeitungsschritte auseinanderzusetzen. Außerdem kann so bei lokalen Schafzüchtern gekauft und diese damit unterstützt werden. Wenn wir schon nach historischem Vorbild spinnen, warum nicht auch die Vorarbeit auf diese Weise erledigen?

In drei Blogposts möchte ich zeigen, wie ich Rohwolle sortiere und wasche, zupfe und kämme, für das Spinnen vorbereite und schließlich auf den Rocken binde und verspinne. Vielleicht ist das dem ein oder anderem eine Hilfe, der sich selbst grad daran versucht oder motiviert, es einmal zu versuchen.


Welches Vlies?

Die Schafwolle des Mittelalters wird als grobwollig bis mischwollig beschrieben.[1] Die einzelnen Fasern waren verhältnismäßig dick und/oder wiesen in einem Vlies unterschiedliche Qualitäten auf, wie langes Deckhaar und feine Unterwolle. Feine helle Wolle und das daraus hergestellte Tuch war ein teures Luxusgut, importiert aus Spanien oder England, wo die Tiere erfolgreich auf diese Qualitäten hin gezüchtet wurden. Moderne Züchtungen haben nur noch wenig mit den mittelalterlichen Schafen gemein. Bei der Auswahl der Vliese sollte man dennoch, möchte man annähernd authentisch arbeiten, auf Schafrassen zurückgreifen, die die genannten Wollqualitäten besitzen. Ein Blick auf die heimischen Schafrassen lohnt sich in jedem Fall. Es gibt so viel schöne Wolle abseits der weitgereisten Neuseelandmerino. Und nicht jede gröbere Wolle muss gleich unangenehm zu tragen sein oder kratzen… das ist unter anderem eine Frage der Verarbeitung (und der Gewöhnung😉).

v.l.n.r.: Coburger Fuchsschaf, Heidschnucke (im Vlies und sortiert), Walliser Schwarznasenschaf



Geeignete Rassen sind unter anderem Walliser Schwarznasenschaf, Skudde und Gotlandschaf. Heidschnucke nutze ich gern, um die Sortierung und Verarbeitung mischwolliger Vliese mit langem Deckhaar vorzuführen. Die Sortiererei macht eine Heidenarbeit, dafür wird man mit sehr feiner weicher Unterwolle belohnt. Zum Vorführen der Wollverarbeitung generell (wie in diesem Beitrag) nutze ich Wolle vom Coburger Fuchsschaf – eine gut zu verarbeitende Faser und mein heimlicher Favorit. Sie besitzt lange gekräuselte Fasern in einer schönen hellen Farbe mit leichtem Rot- bis Goldschimmer, die sich gut färben lässt, aber auch ungefärbt nicht langweilig aussieht. Außerdem hat sie kurze dunkelrote Stichelhaare, die das Kämmen visuell sehr effektvoll machen. Die Menge an enthaltenem Wollfett hält sich in Grenzen und sie filzt auch nicht all zu schnell, was das Waschen vereinfacht.

Meine Wolle kaufe ich größtenteils bei einer Schafschererin hier im Ort. Das ist auch immer meine erste Empfehlung für Rohwolle. Sie behält in erster Linie die besonders schönen und sorgfältig geschorenen Vliese, ohne großartigen Filz oder Verschmutzungen und mit wenig Anschnitt durch das Neuansetzen der Maschine. Außerdem nimmt sie mir die unschöne Arbeit des Vorsortierens ab und entfernt schmutzige Bauch- und Popowolle. Es soll ja auch SpinnerInnen geben, die ein Herz für wirklich verdreckte Vliese haben – ich gehe eher nach dem Motto: Das Leben ist zu kurz für schlechte Wolle.

Bei einigen Vliesen lohnt es sich auch, die Partien in Seiten, Schulter und Rücken vorzusortieren. An den ersten beiden findet man die feinere Wolle.


Wolle Waschen

Beim Waschen scheiden sich, wie bei so vielen anderen Dingen, die Geister. Die einen waschen kalt, ohne oder mit wenig Zusatz waschaktiver Substanzen, um möglichst viel Wollfett in der Wolle zu halten. Andere fermentieren die Wolle beispielsweise im Regenfass. Das stinkt furchtbar, hat aber den Vorteil, dass sich kleine Schmutz- und Pflanzenpartikel bereits zersetzen. Ich mag es nicht so fettig beim Spinnen und wasche recht warm und mit einem guten Schuss Spülmittel (im Museum eher mit stark! verdünnter Aschelauge und anschließendem Essigbad, allerdings setzt der hohe PH Wert der Faser ziemlich zu). Bitte kein Haarwasch- oder Wollwaschmittel benutzen und beim Spüli darauf achten, dass keine gewässerbelastenden Stoffe enthalten sind. Anstatt in einer großen Aktion wasche ich bei schönem Wetter in kleinen Portionen von etwa 500-800 Gramm in einer ausrangierten Babybadewanne (im Museum nutzen wir eine hölzerne Teigmolle). So verteilt sich das Waschen über den Sommer und das anfallende Waschwasser kann zum Blumengießen verwendet werden.

Bevor die Wolle in das ca. 45 Grad warme Wasser kommt, sortiere ich sehr verklebte Spitzen und größere Pflanzenteile raus. Meistens ist das, dank des guten Vorsortierens, höchstens eine kleine Handvoll. Auch die lassen sich mit Geduld und mehreren Waschgängen sauber bekommen, ich finde allerdings, dass sich der Aufwand und Wassereinsatz dafür nicht lohnt.


sortiertes Vlies, erster Waschgang, Spülgang mit klarem Wasser


Das Vlies wird nun vorsichtig unter- und die Luft rausgedrückt und sollte dabei nicht allzu viel bewegt werden, um Verfilzen zu vermeiden. Das Ganze weicht ein Bisschen vor sich hin, bis das Wasser nur noch lauwarm ist. Nun kann die Wolle vorsichtig bewegt werden, um gleichzeitig zu schauen, ob noch verklebte Löckchen zu sehen sind. Wenn nicht: die Wolle etwas ausdrücken und ein- bis zweimal in klarem, lauwarmem Wasser spülen. Ansonsten noch ein Stündchen einweichen lassen. Am Besten trocknet die Wolle gut ausgebreitet auf einem Wäscheständer über den z.B. ein Bettlaken gelegt wird. So ein Hänge-Netz-Trockendings ist auch schön zu haben, vor allem wenn die Wolle nicht windgeschützt liegen kann und sich andernfalls im Garten verteilt.

In der Wolle sind noch Pflanzenteile, die bei der nachfolgenden Bearbeitung beseitigt werden. Idealerweise enthält die Wolle noch etwas Wollfett und fühlt sich geschmeidig an, ohne dabei schmierig zu sein.

Gewaschenes Vlies vom Fuchsschaf. Pflanzenteile sind noch enthalten, überschüssiges Fett und wasserlöslicher Schmutz ausgewaschen


That’s it. Als nächstes folgen Zupfen und Kämmen, sowie auf den Rocken binden und Spinnen.




[1] Ruth Maria Hirschberg: Ein Beitrag zur Frage der Wollqualität im europäischen Mittelalter, Berlin, November 2001.

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Handwerk und Alltag im Frühmittelalter