Ein karolingischer Frauenmantel – der Schnitt und die Fertigstellung


Der Stoff, den ich für meinen Mantel gewebt habe, hat nun eine gebührende Zeit rumgelegen, ich habe in Digitalisaten gewühlt und im heimischen Bücherbestand geschmökert (leider sind die Bibliotheken noch nicht offen, aber die Hälfte der Textilabteilung unserer UB steht gefühlt eh hier in den Regalen). Meist liest man im Zusammenhang mit karolingischer Frauenkleidung von der Palla als Überkleidung/Mantel, einem „viereckig[en] pallium der weiblichen Bekleidung“ (Hrabanus Maurus, De rerum naturis libri XXII, lib. XXI, Migne PL 111, Sp. 575.), einem großen rechteckigen Stück Stoff, als DEN Mantel der karolingischen Dame.

Im Paderborner Epos zeigt sich aber, dass die Bezeichnung durchaus variieren konnte. Der Dichter nennt die

Mäntel der Töchter und der Frau Karls des Großen pallia, clamis und amictus, die mit Hermelin besetzt und durch Fibeln, Scheiben oder Schnüre geschlossen werden konnten (De Karolo rege et Leone papa, 184 ff., S.22-29).

Vielfältig zeigen sich auch die Formen als vorn geschlossene Schlupfmäntel (Abb. 1 Utrecht Psalter), kreisrund oder halbkreisförmig konstruierte waden- bis bodenlange Mäntel (Abb. 2-3 Stuttgarter Psalter), die auch den Kopf umschließen oder zusammen mit einem Schleier getragen werden konnten.



Aus praktischen Gründen soll mein Mantel keine riesige Stofffülle benötigen; einerseits, weil ich nicht besonders viel Stoff habe, andererseits damit er bei der Arbeit im und ums Haus und vor allem am Feuer nicht im Weg ist. Da ich ohnehin ein Schleiertuch trage, brauche ich auch nichts Kopfumhüllendes. Mit ein paar Stoffstücken und Lotta habe ich (soweit die Proportionen es zuließen) so lange im kleinen Maßstab rumprobiert, bis mir das Ergebnis gefallen hat.

Ein wadenlanger Halbkreismantel ist mit etwas Trickserei drin. Habe ich schon erwähnt, dass stoffsparendes Schnitterstellen eine heimliche Leidenschaft von mir ist? Jedenfalls habe ich eine Weile gegrübelt und… nunja, hier lasse ich mal die Bilder sprechen.



Ein Bisschen mulmig ist mir schon, wenn ich mein Handgewebtes zerschneide. Ich habe also etwa 40-mal nachgemessen, bevor ich die Schere angesetzt habe. Am Ende hat es dann aber auf den Millimeter gepasst. Der Stoffstreifen wurde zunächst zerstückelt und grob in Form gebracht, aus der schließlich der Halbkreis gehauen werden sollte. Die Stoffstücke mit dem Überwendstich zu verbinden war ein Klacks, da es sich bei der längsten Kante um eine Webkante handelt. Die Schnittkante bedurfte etwas größerer Aufmerksamkeit, um nicht fransig oder fusselig zu werden, aber auch das hat trotz eher eingeschränktem Nähtalent ganz gut geklappt. Ich denke, das Ergebnis kann sich sehen lassen; bei genauerem Hinsehen erkennt man natürlich, dass sich der Mantel aus mehreren Stücken zusammensetzt, aber es fällt vor allem getragen nicht sonderlich auf.



Nachdem die Stücke verbunden waren, musste eigentlich „nur“ noch der Halbkreis ausgeschnitten werden und der Rand versäubert. Ich habe nun eine Seite nach Augenmaß zurechtgetrimmt und das Tuch in der Mitte gefaltet, um die zweite Seite anzupassen, auf dass das Ganze symmetrisch wird. Der Wegschnitt hielt sich in Grenzen und der Halbkreis gefiel mir auch gut.



Leider läuft ein Projekt bei mir NIE problemfrei. In diesem Fall hat mich das Glück auf der Zielgeraden verlassen. Der Rand wollte einfach nicht, wie ich wollte. Eigentlich sollte er nur engen Überwendlichstichen versäubert werden, was die ersten Dezimeter auch wunderbar funktionierte. An einem gewissen Punkt fing der olle Stoff jedoch an, sich schrecklich zu kräuseln. Also den Stich nochmal aufgetrennt und erneut genäht. Wieder das gleiche Spiel. Ich habe es dann nochmal probehalber mit einem dickeren und einem dünneren Garn versucht, aber immer an den gleichen Stellen kräuselte sich der Stoff. Irgendwann wurde mir klar, dass das an der Struktur des Köpers liegt. Dort, wo die Querrippen auf die Stoffkante treffen, verknüsselt sich die Kante. Ich habe das Überwendliche nicht nochmal aufgetrennt, sondern einfach umgeschlagen und festgesteppt. Die Kante ist dadurch etwas steifer, aber nunja… Ich werde bei Gelegenheit mal versuchen, ob Leinwandbindung ähnliche Probleme macht. Vermutlich lässt sich mit stärkerem Walken die Störrischkeit des Köpers in den Griff bekommen.

Der Mantel ist nun fertig. Von den Maßen her gefällt er mir gut und kommt auch tatsächlich an das heran, was mir nach den Abbildungen so vorschwebte, trotz der geringen Stoffmenge. Im Moment hält ihn noch eine kleine Fibel, aber ich werde den Verschluss durch geflochtene Bänder ersetzen.


Hier ist übrigens der ganze Wegschnitt. Auch Halbkreismäntel kann man also außerordentlich stoffsparend konstruieren.



OWL-Karolinger

Handwerk und Alltag im Frühmittelalter