Stoff für einen karolingischen Frauenmantel

Im Frühling 2020 sind mehrere Vliese vom Coburger Fuchsschaf bei mir eingezogen. Diese habe ich liebevoll gewaschen, gezupft, kardiert und mit der Handspindel versponnen. Das meiste davon habe ich an unseren Museumsterminen verarbeitet, von denen wir im letzten Jahr einige hatten (man hatte ja sonst nicht viel zu tun). Es sind tatsächlich ein paar Kilo Garne zusammengekommen, von denen ich einen Teil verzwirnt und in unserem (lächerlich großen) Kupferkessel mit Wau gelb gefärbt habe.

Mit diesen Mengen an Garnen und einem einigermaßen frisch erworbenen Tischwebstuhl kann man schonmal auf dumme Ideen kommen. Wie zum Beispiel den Stoff für die karolingische Ausstattung vom Schaf weg selbst zu verarbeiten. Aus dem Singlespun soll eine Tunika entstehen… irgendwann. Noch traue ich mich nicht recht an das Schären und Einziehen unzähliger feiner Singlefäden (die durchschnittliche Fadenstärke liegt bei 0,4-0,5 mm). Das gezwirnte Garn wirkte auf mich weniger furchteinflößend, also machte ich mich daran, den wau-gefärbten Teil der Wolle als Kettgarn für ein Manteltuch auf den Webstuhl zu packen. Das klappte dank Webrahmenerfahrung allein auch tatsächlich ohne größere Unfälle. Der Einzug ist ein Gleichgratköper, wobei ich für den Schuss handgesponnenes naturbraunes Singlegarn verwendet habe, das hier nebenbei entstand und seit Monaten auf seine Bestimmung wartete.

Tja… webwebweb. Das war recht unspektakulär. Stephen King leistete mir Gesellschaft und hin und wieder gab es Gummibärchen bei einem Kettfadenriss (genial, Silvia von Zeitensprung!). Das Weben am Tischwebstuhl ist keine besonders rasante Sache, so hat es etwa 2 Wochen gedauert, bis der Stoff abgewebt war, indem ich hier und da mal ein Stündchen investierte, das ich eigentlich nicht habe (der Stoff ist fertig, meine Seminararbeiten noch nicht. Überraschung :D). Die Kettfadenenden habe ich nur lose verknotet, bis ich mich entscheide, wie ich sie versäubere. Der Stoff bekam eine Spa-Behandlung in einem warmen Vollbad mit anschließender Massage zum leichten Anwalken.

Hier ist er nun. Der planlos gesponnene Schussfaden ist unregelmäßig in der Stärke, was sich durch ein etwas streifiges Webbild bemerkbar macht. Nicht schlimm, die Kette war farblich ohnehin nicht ganz gleichmäßig, da ich sowohl sehr fuchsig-rötliche Jährlingswolle, als auch fast weiße Fuchsschafwolle älterer Tiere verwendet habe. Das Ganze misst nach dem Waschen und Walken 2,43 x 0,65 m. Da der Webstuhl eine maximale Webbreite von 80 cm hat und ich kein Gewurschtel mit Doppelbreitgewebe anfangen wollte, war eh schon klar, dass ein Mantel irgendwie gestückelt werden muss. Ein grober Plan existiert bereits, aber bevor hier Aktionismus ausbricht, wird erstmal geschmökert.


OWL-Karolinger

Handwerk und Alltag im Frühmittelalter